Von der Idee zur Firmengründung von Neuwerth & Boldig – Eine Liebesgeschichte

Barcelona by Florian Wrehde/ Unsplash

(Bild: Barcelona by Florian Wrehde/ Unsplash)

 

Die Wörter „Spanien“ und „Liebe“ sind für mich unweigerlich miteinander verknüpft. Denke ich an Spanien wird mir warm ums Herz. Denke ich wiederum an die Liebe schweift mein Herz in die südliche Ferne. Ersteres geht sogar so weit, dass ich bei gewisser Kritik an der spanischen Gesellschaft durchaus patriotische Züge in mir entdecke. Ein Umstand, der mir in meiner Heimat eher fremd ist. Um dieses Phänomen zu erklären muss ich etwas weiter ausholen:

Alles begann im Jahre 2003 als ich zum ersten Mal in meinem Leben spanischen Boden betrat. Der Plan war über Barcelona nach Madrid weiterzureisen, doch daraus sollte nichts werden. Stattdessen entschied ich mich spontan in Barcelona zu bleiben und hieraus wurden dann insgesamt fünf wundervolle Jahre, die ich zu den besten meines bisherigen Lebens zähle. Die Gründe für meine Entscheidung sind recht schnell erklärt. Schon auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt bemerkte ich, dass sich Fahrgäste miteinander unterhielten ohne zu flüstern. Doch niemand hatte mich darauf vorbereitet was mich am Ziel der Bahnfahrt am Plaza Catalunya erwartete. Kaum ausgestiegen schauten mir wildfremde Menschen im Vorbeigehen unverfroren lächelnd direkt in die Augen und schienen dabei keine konkreten Absichten zu verfolgen. Eine Mischung aus Faszination und Unbehagen machten sich breit und ich bin mir ziemlich sicher, dass mein erwiderndes Lächeln – reserviertes Nordlicht das ich war – nicht mein bestes war. Am Tag meiner Ankunft habe ich dann auch bewusst zum ersten Mal Kontakt zu hydraulischen Zementfliesen gehabt. Das Zimmer, dass ich im Viertel Eixample gemietet hatte befand sich in einem Gebäude aus der Ära des katalanischen Modernisme und hier lagen in allen Zimmern unterschiedliche originale Modelle des Jugendstils aus. Ich habe mich auf Anhieb in diese Fliesen verliebt und zukünftig sollten mosaicos hidráulicos wie sie im spanischen heißen, Hauptkriterium einer jeden Wohnungssuche werden. Alle anderen Kriterien wie Heizung, Licht und Lage waren zweitrangig,

Da verwundert es auch nicht weiter, dass ich in meiner Freizeit die Stadt auf der Suche nach neuen, mir unbekannten Modellen dieser wunderschönen Designfliesen erkundete. Bei diesen Spaziergängen entstand der Wunsch eines Tages meine eigene Kollektion herauszubringen. Das dies nicht sofort realisierbar war lag auf der Hand. Anstelle meines soliden deutschen Gehalts servierte ich in hübschen kleinen Restaurants Fusionsküche auf katalanisch an die lokale Bevölkerung, ohne die Sprache  auch nur annähernd zu beherrschen. Und auch hier musste ich eine Besonderheit feststellen: bis auf ein paar Ausnahmen hat mir kaum jemand übelgenommen, dass ich am Anfang nicht wirklich wusste was ich da in beiden Sprachen zum Besten gab. Mein dringender Wunsch die spanische Sprache lernen zu wollen war entscheidend und Fragen sowie Unklarheiten wurden solange freundlich lächelnd und häufig auch lachend mit Händen und Füßen wiederholt, bis ich einigermaßen erraten konnte was meiner Kundschaft fehlte. Die Stimmung im Barcelona Anfang des Millenniums war einzigartig. Jeder der sich in der Altstadt (Barrio Gótico, Raval, Poble Sec und Borne) bewegte gehörte irgendwie dazu und über kurz oder lang kannte sich jeder. Auf dem Weg zu Terminen sollte man besser eine halbe Stunde extra einkalkulieren, denn man traf immer Freunde und Bekannte auf ein Pläuschchen,      einen schnellen Cortado oder eine Caña.  

Warum also bei all dem Glück zurück nach Deutschland? Dies hatte mehrere Gründe. Zum einen, so absurd wie es sich anhören mag, habe ich den Berliner Winter und vor allem den darauffolgenden Berliner Frühling vermisst. In Spanien hat man aufgrund des durchweg guten Wetters und der Lebensart kaum die Möglichkeit einmal ohne Gewissensbisse schlechte Laune zu haben. Gleichzeitig vermisst man auch die Euphorie die nach einem langen dunklen Winter bei den ersten Sonnenstrahlen ausbricht und sowieso bleibt Berlin im Herzen kleben! Außerdem war es auch mal wieder an der Zeit sich über Karriereziele Gedanken zu machen.  

Hauptauslöser meines Wegzugs war allerdings die Tatsache, dass im Barcelona Ende des Jahres 2007/ Anfang des Jahres 2008 etwas Unbehagliches in der Luft lag.   Reihenweise verließen meine internationalen Freunde, ohne ersichtlichen Grund das Land, um in ihre Heimat zurückzukehren. Und so packte auch ich schließlich meine Koffer, kurz bevor die internationale Wirtschaftskrise das Land für fast ein Jahrzehnt in die Mangel nahm.

Zurück in Berlin habe ich dann erst einmal eine moderate Karriere als Produktionsleiter für Großveranstaltungen verfolgt, aber die Idee eines Tages meine eigene Fliesenkollektion zu lancieren blieb bestehen, wenngleich sie auch vorerst nicht mit Intensität verfolgt wurde. Zur Priorität sollte sie erst durch eine weitere große, wenn nicht sogar der größten Liebe meines Lebens im Jahre 2016 werden.

Zu diesem Zeitpunkt war ich nun bald zwei Jahre mit einem Sevillianer zusammen, mit dem ich bereits nach wenigen Wochen des Kennenlernens zusammenzog.   Hübsch, lieb, unglaublich charmant und witzig wie er war – der absolute Jackpot. Nie zuvor hatte ich eine solche Verbundenheit mit jemandem gespürt. Erst als er mir mitteilte, dass Berlin mittel- und langfristig keine Option für ihn ist, nahm meine Zementfliesenidee wieder Fahrt auf, aber dies bedurfte sorgfältiger Planung. Ende 2016 zog er zurück nach Sevilla und wir führten von nun an eine Fernbeziehung. Sobald meine Firma auf soliden Füßen steht würde ich dann nachkommen.

Auswahl Zementfliesen Blogbeitrag

Die Designs meiner Zementfliesenkollektion gingen mir recht schnell von der Hand, schließlich hatte ich mich über Jahre damit beschäftigt. Meine Kollektion sollte sich von dem herkömmlichen aus der maurischen oder Jugendstil Epoche inspirierten Designs unterscheiden. Stattdessen schwebte mir eine eigene Kollektion vor, die zeitgenössisch, modern und schnörkellos ist.    Die Suche nach einem passenden Produzenten hingegen sollte eine weitaus größere Herausforderung darstellen. Mein Wunschkandidat – eine kleine Manufaktur in Andalusien – erteilte mir leider aufgrund bestehender Exklusivität mit einer anderen Firma eine Absage. Kurzum reiste ich kreuz und quer durch Spanien, um mir andere Hersteller anzuschauen, musste allerdings feststellen, dass die meisten Hersteller ihre Fliesen selbst nicht mehr in Spanien sondern in Marokko produzierten, was für mich aufgrund der mangelnden Arbeits- und Qualitätsstandards eher nicht in Frage kam.

Kurzum beschloss ich die Zementfliesen selbst in Berlin herzustellen. Die passenden Stahlformen (moldes), Bronzeschablonen (trepas) und die hydraulische Presse wurden gekauft und ich mietete mich im KAOS Berlin, einer Künstlergemeinschaft in Berlin Oberschöneweide ein. Erstes Ziel war es Prototypen meiner Fliesen herzustellen. Über Monate tüftelte ich an den exakten Mischverhältnissen der drei unterschiedlichen Zementschichten.  Die das Muster wiedergebende Seite mit einer Stärke von ca. 4 – 5 mm besteht aus einer pastösen Mischung aus weißem Portlandzement, Pigmenten, Marmormehl und Wasser . Die Mittelschicht, eine trockene Mischung von ebenfalls 4 – 5 mm Stärke, bestehend aus Portlandzement und feinem Sand um das überschüssige Wasser der ersten Schicht zu absorbieren. Schließlich die Grundschicht, zusammengesetzt aus einer leicht feuchten Mischung aus grauem Portlandzement und gröberem Sand, um die Haftung bei der späteren Verlegung zu maximieren. Bei der Herstellung kommt es tatsächlich darauf an, die richtigen Mischverhältnisse einzuhalten. Ist eine der Schichten zu feucht holt man trotz Pressung mit sehr hohem Gewicht lediglich Matsch aus den Stahlformen. Ist auch nur eine der Zementschichten zu trocken wird die Fliese zu porös und bricht. Außerdem galt es herauszufinden welcher Sandtyp sich aufgrund seiner Wasserabsorption eignet. Ich muss gestehen, dass diese ersten Monate frustrierend waren. Außerdem machte sich nach bereits kurzer Zeit die Dreifachbelastung bemerkbar.

Foto-Blogeintrag-Produktion-Neuwerth-und-Boldig

Nachdem die Mischverhältnisse endlich erarbeitet waren, stellte das Berliner Klima eine weitere Hürde für den Herstellungsprozess dar. Jede Fliese muss nach erfolgter Pressung 24 Stunden in einem Wasserbad liegen, um danach für 28 Tage austrocknen zu können. Eine unbeheizte Halle im Berliner Herbst/ Winter war alles andere als optimal. Größere Temperaturschwankungen beim Trocknungsprozess führen zu Haarrissen in den Fliesen. Es war zum Verzweifeln. Nebenbei arbeitete ich mehr als Vollzeit als Produktionsleiter, um das Projekt finanzieren zu können und zusätzlich zu dieser Doppelbelastung ging auch meine Beziehung in die Brüche. 

Die Erlösung kam unverhofft. Gerade als ich im Begriff war das ganze Projekt abzublasen ging eine SMS meines Wunschproduzenten bei mir ein. Sein Exklusivvertrag war ausgelaufen und einer möglichen Kooperation stand nichts mehr im Wege. Ich buchte für den Folgetag einen Flug für ein Treffen und in der darauffolgenden Woche ging mein Equipment auf die Reise nach Andalusien, eine Farbtabelle wurde erarbeitet und meine Muster gingen in Produktion. Das Ergebnis lässt sich nunmehr in meinem Webshop www.neuwerthundboldig.de begutachten. Nun beginnt eine neue spannende Phase, die der Vermarktung und des Marketings.

Drei verschiedene Arten von Liebe waren am Entstehungsprozess meines Unternehmens beteiligt. Die zu einem Land, dem ich auf ewig dankbar sein werde, dass es mir die Möglichkeit gab persönlich zu wachsen und Wärme in mein Leben brachte. Die Liebe zu einer Person, die trotz Trennung weiterhin einen beständigen Platz in meinem Herzen haben und Familie für mich sein wird und die zu einem Produkt, den Zementfliesen, die mich auch nach mehr als 15 Jahren weiterhin faszinieren. Bleibt zu hoffe, dass sie die gleiche Beständigkeit in meinem Leben beweisen, wie sie es in den Altbauten des Jugendstilviertels in Barcelona haben, wo Zementfliesen auch nach 150 Jahren noch in vollem Glanz erstrahlen.

Volker Jacobsen </br>Gründer Neuwerth

Volker Jacobsen
Gründer Neuwerth & Boldig